Startseite    Fachkunde   Spezielle Pathologie II Autor: ©  Dr. Joachim Menges Layout:  ©  Stefan Münz

Erkrankungen des Parodontiums und deren Ursachen

 © Uni Würzburg (modifizierte Version)



Start

     


Der Zahnhalteapparat besteht aus verschiedenen Stützgeweben, die die Funktion haben, den Zahn im Knochen aufzuhängen und dabei die Belastungen des Zahnes auf diesen zu übertragen. Zu diesem System gehört das Knochenfach (Alveole), die Wurzelhaut (Desmodont), das Wurzelzement und das Zahnfleisch (Gingiva).

 

 
     

Das Zahnfleisch (Gingiva):

Beim Zahnfleisch unterscheidet man folgende Komponenten: die Zahnfleischfurche (Sulkus), das Saumhäutchen (Saumepithel), den supraalveolären Faserapparat (bindegewebiges Attachment), das verhornte Oberflächenepithel. Gesundes Zahnfleisch ist hellrosa und zeigt eine mehr oder weniger ausgeprägte Stippelung auf seiner Oberfläche. An der "Mukogingivallinie" geht das Zahnfleisch in die Schleimhaut der Wangen bzw. des Mundbodens über.
Die Zahnfleischfurchewird durch Flüssigkeit aus der Tiefe und Speichel durchspült. Bei einem gesunden Zahnhalteapparat hat die Zahnfleischfurche etwa eine Tiefe von 0,5 mm, das entspricht einer Sondiertiefe von etwa 2 mm.
Das Saumepithelhaftet am Zahn. Es bildet den Boden der Zahnfleischfurche bzw. der parodontalen Tasche und dichtet so den Knochen vor den äußeren Einflüssen der Mundhöhle ab.
Der supraalveoläre Faserapparatbefindet sich unter dem Saumepithel. Hier verlaufen Fasern von den verschiedensten Punkten des Zahnhalteapparates zu anderen und befestigen so das Zahnfleisch.

 

 
     
Die Wurzelhaut (Desmodont)

Die Wurzelhaut wird durch Bindegewebsfasern gebildet, die vom Wurzelzement zum Knochen strahlen. Dadurch wird der Zahn im Knochenfach "aufgehängt", so daß der Knochen nicht auf Druck (das führt zum Abbau) sondern auf Zug belastet wird (dies stärkt und festigt den Knochen). Weiterhin befinden sich in der Wurzelhaut Blutgefäße zur Ernährung und Nerven, die nicht nur Schmerz weiterleiten, sondern auch dafür verantwortlich sind, daß wir kleinste Dinge, die sich zwischen unseren Zähnen befinden, zur Kenntnis nehmen.

 

 
     
Das Wurzelzement

Das Wurzelzement besteht aus einer Calcium-Substanz, die ähnlich der des Knochens ist, Bindegewebsfasern und Zellen. Je nach Verteilungsmuster unterscheidet man verschiedene Bereiche des Wurzelzementes. Dem Wurzelzement folgt ins Innere hinein das Zahnbein (Dentin), aus dem der Zahn zum größten Teil besteht.

 

 
     
Das Knochenfach (Alveole)

Der Teil des Kiefers, der die Zähne trägt, wird Alveolarfortsatz genannt. Der Knochen wird durch die funktionelle Belastung der Zähne erhalten. Dies ist der Grund, warum bei zahnlosen Menschen der Knochen immer mehr zurückgeht (ein weiterer Grund ist der Druck der Prothese). Der Zahn ist über Bindegewebsfasern im Alveolarknochen aufgehängt. Der Knochenkamm folgt im gesunden Zahnhalteapparat mit einem Abstand von 1-2 mm der Grenze zwischen Wurzelzement und Schmelz.



 
     

Ursachen

Man unterscheidet:

  1. Entzündliche Formen
  2. Erscheinungsformen bei anderen Grunderkrankungen wie z.B. Diabetes, oder Hauterkrankungen
  3. Hyperplastische Formen (überschießende Gewebereaktion)
  4. Traumatogene Parodontopathien (reiz- oder verletzungsbedingt)
  5. Involutive Formen (Geweberückbildung)

Bereits aus den obigen Bezeichnungen lassen sich die Ursachen erkennen. Die häufigsten Ursachen sind Entzündungen, wobei 95% der Entzündungsformen der sogenannten Erwachsenenparodontitis zuzurechnen sind (AP = adult parodontitis).

Gingivitis (Schleimhautentzündung) und Parodontitis sind entzündliche Reaktionen des Gewebes, ausgelöst durch Plaquebakterien, die ober- und unterhalb des Zahnfleischrandes liegen. Funktionsstörungen im Kausystem und Störungen im allgemeinen Stoffwechsel können den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen.

Wie bei der Karies die zuckerspaltenden und säureproduzierenden Bakterien von Bedeutung sind, treten bei den Entzündungen des Zahnhalteapparats folgende Plaquebakterien bevorzugt auf:

Streptokokken, Veillonellen, Actinomyces, Fusobakterien und Spirochäten.

Besonders starke Entzündungen können bei den seltenen jugendlichen Verlaufsformen (RPP- rapid progressive parodontitis oder LJP localized juvenile parodontitis) oder bei Patienten mit verminderter Abwehrlage vorkommen (z.B. bei AIDS oder Cytostasebehandlung).

Die Ursachen der anderen Formen können sein:

Stoffwechselstörungen, Medikamentenwirkung, kaufunktionelle Störungen, äußere Reize, individuelle Abwehrreaktion oder auch ungeklärte Ursachen (idiopathisch).

 
     

Symptome

Bei Hyperplasien, also gutartigen Überschußbildungen des Gewebes, bei entzündungsfreiem Zahnfleischschwund (Rezession) oder einem akut eitrigen Prozeß sind die Symptome bereits für den betroffenen Patienten erkennbar. In anderen Fällen kann erst der Zahnarzt bei der Untersuchung die Symptome einer Zahnbetterkrankung erkennen.

Anzeichen für eine entzündliche Veränderung des Zahnfleisches (Gingivitis), dem Vorläufer für Parodontitis mit Taschenbildung und Knochenabbau sind rötliches, geschwollenes und leicht blutendes Zahnfleisch. Die girlandenförmige Anlagerung am Zahn, die rosa, leicht getüpfelte, straffe Oberfläche, die ein gesundes Zahnfleisch ausmacht, fehlt. Zudem können weitere Veränderungen, wie spaltförmige Einziehungen (Stilman -Spalte) oder eine hervortretende derbe Randverdickung (Mc Call'sche Spalte) im Zahnfleischsaum auf Fehlkontakte bei der Kaufunktion hinweisen. Oft gibt eine eitrig - blutige Sekretion aus dem Zahnfleischraum oder eine Abzeßbildung Hinweis auf eine Taschenbildung zwischen Zahn und Zahnfleisch.

 
     

Diagnose

Die Diagnose stellt der Zahnarzt nach Anamnese, also einer eingehenden Befragung, einer Untersuchung und mit Hilfe von Röntgenbildern. Verschiedene Tests (Parodontose-Indices) geben Aufschluß über Blutungsneigung und Plaquebesiedelung. Die Tiefe der vorhandenen Zahnfleischtaschen läßt sich mit einer Parodontosesonde messen. Röntgenologisch kann ein vorhandener Knochenabbau, lokalisierte Knochendefekte, Taschenbildung oder harte Ablagerungen unter der Schleimhaut (Konkremente) festgestellt werden.

 
     

Häufigkeit

Nach Untersuchungen an Kindern, besonders in Schulen, zeigen sich schon bei 4 - 13-jährigen entzündliche Veränderungen der Schleimhaut im Sinne der Gingivitis. Die höchste Gingivitisrate findet sich laut einer Schweizer Studie bei 11jährigen. Schon 45% der 14 - 15-jährigen zeigten Tendenz zur Parodontitis mit steigendem Anteil bis hin zu den 35-jährigen. Schwere Verlaufsformen der Parodontitis in diesem Alter finden sich jedoch nur bei 0,1% der Bevölkerung. Im zunehmenden Alter steigt die Anzahl der Erkrankungen mit Knochenschwund, der für den Zahnverlust im Alter maßgeblich ist. Bei 45-57jährigen ist etwa ein Viertel des Knochens befallen, bei 60jährigen schon ein Drittel. Der stärkste Befall findet sich an den Unter- und Oberkieferfrontzähnen, sowie den ersten Backenzähnen. Destruktionen sind vor allem bei älteren Männern durchweg stärker. In diesem Altersbereich liegt auch die Mehrzahl der behandlungsbedürftigen Erkrankungen, die als Altersparodontitis bezeichnet wird.

 
     

Therapie

Bei der Therapie müssen die Symptome der Erkrankung im gleichen Umfang wie die Ursachen und alle die Erkrankung fördernden Faktoren bekämpft werden.

Hauptziele sind die Beseitigung aller Entzündungen, Schaffung hygienischer Verhältnisse und die Verhütung von Rezidiven. Man unterscheidet dabei folgende Therapieschritte:

  1. Vorbehandlung (Motivations- und Hygienephase)
  2. Therapie (Korrekturphase)
  3. Nachbehandlung (Nachsorgephase)

Es unterscheiden sich in der Therapie konservative und chirurgische Maßnahmen.

Vor der Behandlung muß bei Patienten, die gesetzlich krankenversichert sind, ein Antrag für die Parodontaltherapie ausgefüllt werden. Der Zahnarzt oder Kieferchirurg bespricht mit dem Patienten sein geplantes Vorgehen. Wenn der Plan genehmigt wurde, kann die Therapie beginnen. Gegebenenfalls wird der Patient auf Verlangen der Krankenkasse zu einem zahnärztlichen Gutachter bestellt, der der Behandlung zustimmen muß, ehe begonnen werden kann. Die Behandlung ist für den Patienten nach Genehmigung des Planes kostenfrei, ebenso wie bei Privatpatienten, die eventuell die Spritzenmaterialien erstatten müssen. Je nach Planung kann die Behandlung in mehrere Sitzungen unterteilt werden. Erforderlich zum Erreichen einer möglichst weitgehenden Schmerzfreiheit ist die Injektion eines Lokalanaesthetikums (Spritze).

Die Therapie kann bei nicht allzu tiefen Taschen konservativ mittel sogenannter geschlossener Kürettage erfolgen. Der Behandler verzichtet auf chirurgische Eröffnung des Parodontalgewebes und geht mit den Parodontalinstrumenten (Kürette, Scalern, Ultraschall) am Zahn entlang unter die Schleimhaut. Zur besseren Sicht kann es bei tieferen Taschen (> 6 mm) erforderlich sein, den Zahnfleischrand mittels Skalpell zu eröffnen und nach der Kürettage mit einzelnen Nähten wieder zu adaptieren (offene Kürettage). Ziel der Kürettage ist die Beseitigung der die Entzündung verursachenden Mikroorganismen, die Herstellung eines sauberen Zahnes, einer sauberen, möglichst glatten, bioakzeptablen Wurzeloberfläche und die Entfernung erkrankten, infizierten Gewebes. Die geschlossenen Kürettage ist, soweit durchführbar, gewebeschonender. Die operativen Techniken beinhalten ein radikaleres Vorgehen, um unter Sicht auch in tieferen Regionen hygienische und reparative Verhältnisse zu schaffen.

Zu den parodontalchirurgischen Maßnahmen zählen:

Gingivektonomie: - Entfernung von Schleimhautarealen
Gingivoplastik: - Umlagerung und Rekonstruktion von Schleimhautarealen
Lappenoperation: - Umlagerung großer Schleimhautlappen
Osteoplastik: - Konturieren von Knochenarealen mit evtl. Anlagern von Knochenersatz
Schleimhauttransplantat: - Anlagern von Schleimhautersatz bei Defekten (z.B. Rezession)
Furkationsbehandlung: - Entfernen von Wurzelanteilen oder Freilegen der Wurzelaufgabelung der Backerähne.

Eine weitere therapeutische Maßnahme ist die chemische Parodontalbehandlung, die unterstützend notwendig sein kann. Sie dient der Minderung der Aktivität der mikrobiellen Plaque. Hierbei können über Spüllösungen (z.B. Chlorhexidin- Digluconat) oder in Ausnahmefällen auch Antibiotikagaben destruktiv wirkende Mikroorganismen reduziert werden. Desweiteren sind im Gesamtverlauf der Behandlung vorher und nachher Maßnahmen zur Wiederherstellung der Gesamtfunktion der Kau- und Hygienesituation unbedingt nötig, wie z.B.: Erneuerung insuffizienter Füllungen, Extraktionen, Einschleiftherapie, Schienenbehandlung, Kieferorthopädie, Zahnersatz etc. Diese sind individuell erforderlich, um die langfristige Prognose zu verbessern.

 
     

Prophylaxe

Wie bei der Verhütung der Karies ist eine gute Mundhygiene der wichtigste Faktor zur Vermeidung der gefürchteten Nachfolgeschäden der Parodontopathien, die letztendlich im Zahnverlust besteht.

Im Gegensatz zur Karies ist diese Erkrankung nicht vermeidbar, ihr Ausmaß jedoch begrenzbar. Die Prophylaxemaßnahmen, wie zahnärztliche Kontrolle, Mundhygieneanweisung, Gebißsanierung oder gezielte Parodontaltherapie dienen hierbei also nur der rechtzeitigen Schadensbegrenzung. Im weiteren Verlauf muß für die Erhaltung eines erzielten Behandlungsresultates Sorge getragen werden. Hierfür ist eine regelmäßige Nachkontrolle in ca. dreimonatigen Abständen (Recall) erforderlich.

 
     

Prognose

Die Parodontopathien sind Erkrankungen, die den betroffenen Patienten in der Regel lebenslang begleiten.

Leider münden sie häufig durch wiederkehrende oder chronische Erkrankungen oder fortlaufenden Gewebeabbau in einem frühzeitigen Zahnverlust. Die Prognose ist nur dann relativ günstig, wenn die jeweilige Erkrankung frühzeitig erkannt wird und notwendige Therapiemaßnahmen erfolgen, sowie zahnärztliche Kontrollen durchgeführt werden. Aber auch dann ist die Gefahr des Fortschreitens oder eines Rezidives sehr groß.

Insgesamt kann nur der Patient selbst in Zusammenarbeit mit seinem Zahnarzt durch seine tägliche korrekt durchzuführende Zahn- und Mundpflege seine Prognose positiv beeinflussen.


       

  Startseite    Fachkunde   Spezielle Pathologie II  Gästebuch © 1999-2001    Dr. Joachim Menges