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1. Intrauterine Blutbildung
Die Blutbildung beginnt beim menschenlichen Embryo im Uterus (intaruterin)
bereits ab der 2. Schwangerschaftswoche noch außerhalb des Knochenmarks
(extramedullär). Es bilden sich im embryonalen und extraembryonalen
Mesenchym zunächst sog. Blutinseln aus, aus denen sowohl Blutzellbildung
als auch Gefäßbildung (Angiogenese) heraus erfolgt. Dabei werden
nur große Vorläuferzellen (Megaloblasten) der Entwicklungsreihe
zum Erythrozyten (Erythrozytopoese) gebildet (megaloblastische Phase).
Etwa ab dem 2. Schwangerschaftsmonat beginnt prallel dazu Blutzellbildung
vor allem in der Leber und Milz aber auch in Lymphknoten und Thymus (hepatolienale
Phase). Jetzt werden auch Vorläufer der Entwicklungsreihe zu Granulozyten
(Granulozytopoese) und Lymphozyten (Lymphozytopoese) gebildet. Histologische
Präparate von Leber oder Milz von Feten oder Neugeborenen enthalten
Blutbildungsherde. Etwa ab dem 3. Monat entstehen erste Blutbildungsherde
im Knochenmark der sich entwickelnden Knochen (medulläre Phase).
Die megaloblastische Blutbildung endet ungefähr im 3. Monat, die hepatolienale
Phase um die Geburt herum. Blutbildung in der Leber ist die Ursache
für die relative Größe des Organs bei Neugeborenen.
Die extramedulläre Blutbildung kann im Rahmen hämatologischer
Erkrankungen (z.B. Leukämien) reaktiviert werden und führt zu
entsprechenden Organvergrößerungen (Hepato- und Splenomeaglie).
2. Knochenmark
Das Knochenmark (Medulla ossium) findet sich in den Binnenräumen
der Knochen zwischen Spongiosatrabekeln. Man unterscheidet rotes
und gelbes Knochenmark. Letzteres besteht überwiegend aus Fettzellen
und Fibroblasten (Fettmark) und ist in den Diaphysen der Röhrenknochen
angesiedelt. Rotes, aktives Knochenmark ist in den Epiphysen der Röhrenknochen
und in kurzen und platten Knochen nachweisbar. Hier werden während
des gesamten Lebens Blutzellen produziert und in die Zirkulation eingeschleust.
Rotes und gelbes Knochenmark stellen unterschiedliche Funktionszustände
des Knochenmarks dar und können ineinander übergehen (z.B. Umwandlung
von gelbem Mark in rotes bei Bedarf an regenerativer Blutzellneubildung).
Das rote Knochenmark liegt in einem Stroma aus retikulärem Bindegwebe,
das aus fibroblastischen Retikulumzellen, kollagenen Fasern und
Fettzellen gebildet wird. Retikulmzellen, die auch um Gefäße
eine Art Adventitia bilden, können phagozytieren und als Ammenzellen
an der Blutbildung mitwirken (z.B. Übertragung von Ferritin). Die
extrazelluläre Matrix im Knochenmarksstroma dient reifenden Blutzellen
als Substrat zur Anheftung. Im Knochenmark kommen zahlreiche sinusoidale
Gefäße vor, die sich durch eine dünne Wand mit fenestriertem
Endothel und diskontiniuerlicher oder fehlender Basalmembran kennzeichnen.
Der Übertritt reifer Blutzellen erfolgt durch Diapedese dieser Gefäßwände.
Die verlangsamte Blutströmung und die lückenhafte Sinuswände
begünstigen eine Absiedlung von Tumormetastasen im Knochenmark und
damit im Knochen. Die histologische Untersuchung von Knochenmark
stellt eine wichtige diagnostische Maßnahme in der klinischen Medizin
dar. Die Entnahme erfolgt mit einem speziellen Instrumentarium am Beckenkamm
(Beckenkammbiopsie). Das dabei gewonnene Knochenmark wird als Ausstrichpräparat
– ähnlich wie Blutausstriche gefärbt und diagnostiziert.
3. Allgemeines zur Blutbildung
Die Blutbildung erfolgt
in mehreren, kompliziert regulierten Stufen. Einzelne Entwicklungsschritte
lassen sich bestimmten funktionellen Gebieten (Speichern) im Knochenmark
zuordnen (z.B. Stamzellenspeicher, Produktionsspeicher, Reifungsspeicher
usw.). Nach der heute gültigen Anschauung leiten
sich alle Blutzellen von einer Stammzelle (Hämatozytoblast)
ab. Stammzellen sind in den üblichen Knochenmarksausstrichen nicht
zu erkennen und müssen z.B. mit immunhistochemischen Methoden identifiziert
werden. Stammzellen teilen sich häufig, haben also eine hohe Proliferationsrate.
Sie sind omni- oder totipotent, d.h., aus ihnen können alle
Blutzellarten entstehen. Erst wenn ihre Tochterzellen in ein Entwicklungs-,
also Differenzierungsstadium eintreten, wird ihre weitere Bestimmung (Determination)
eingeschränkt: Sie sind nur noch pluripotent, d.h., haben die
Möglichkeit, sich nur noch zu bestimmten Zellarten zu entwickeln.
Unipotente Vorläuferzellen schließlich können nur
noch sich innerhalb einer bestimmten Zellreihe, also z.B. zum Erythrozyten
oder Granulozyten, entwickeln. Mit zunehmender Differenzierung verringert
sich die Proliferationsfähigkeit. Bereits in sehr frühen Differenzierungsstadien
lagern sich Vorläuferzellen ähnlicher oder gleicher Determination
zu sog. Kolonien zusammen (CFU = colony forming units = Kolonie-bildende
Einheiten). Einzelne Kolonien werden mit Abkürzungen bezeichnet, z.B.
CFU-E (erythropoetische Zellkolonie), CFU-GM (Zellkolonie für Granulozyten/Monozyten)
usw. Zur Identifizierung und weiteren Untersuchung von CFUs müssen
zell-oder molekularbiologische Methoden eingesetzt werden. Es sind sehr
viele Faktoren bekannt, die hämatopoetische Vorgänge regulieren.
Neben endokrinen oder vegetativen Einflüssen sind es vor allem Wachstumsfaktoren
und spezifische fördernde oder hemmende Wirkstoffe. Zu letzteren gehören
z.B. Interferone und Interleukine oder die sog. CSF (colony stimulating
factors). CSFs wirken auf bestimmte Kolonien und werden inzwischen
bereits therapeutisch eingesetzt. Die Blutbildung (Hämatopoese) reagiert sehr
empfindlich auf äußere Einflüsse wie z.B. ionisierende
Strahlen oder Medikamente (Zytostatika usw.).
4. Erythrozytenentwicklung (Erythrozytopoese.)
Die Entwicklung zum Erythrozyten (Erythrozytopoese) dauert etwa 5 Tage
und beginnt aus entsprechenden Kolonien heraus. Auch spätere Entwicklungsstadien
liegen im Knochenmark in Gruppen zusammen ("Erythroblasten-Nester"). Die
Zellnester der Erythrozytopoese werden den bereits erwähnten Ammenzellen
umlagert, die gespeichertes Eisen als wichtigen Baustein der Hämoglobinbildung
übertragen. Folgende wichtige Zellentwicklungsstadien werden unterschieden:
-
Proerythroblast: größte Zelle im Rahmen der Erythrozytopoese;
stark basophiler, schmaler Zytoplasmasaum, runder Zellkern mit dichter
Chromatinstruktur, vetl. Helle Nukleoli sichtbar, besitzt noch zahlreiche
Zellorganellen
-
basophiler Erythroblast: Abnahme des Zelldurchmesser, basophiles
Zytoplasma, blasser perinukleärer Hof (Halo)
-
polychromatischer Erythroblast: weitere Verkleinerung von Zellleib
und Nukleus, zunehmender Verlust von Zellorganellen mit Zunahme von neu
gebildetem Hämoglobin, diese führt zu einer "Buntfärbung"
(Polychromasie) im Zytoplasma: azidophile Hb-haltige Bezirke
und organellenreiche, basophile Areale
-
orthochromatischer Erythroblast (Normoblast): Zytoplasma fast vollständig
azidophil durch Hb-Einlagerung, Verdichtung des Zellkerns und Chromatin-Kondensation
(Zellkern-Pyknose), der dadurch eine intensive Anfärbung erhält;
schließlich Ausstoßung des Zellkerns bzw. seiner Reste; ausgestoßene
Kerne werden von Makrophagen phagozytiert
Die Erythrozytopoese ist also durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
-
zunehmende Verkleinerung der Zellen
-
Verlust der Organellen mit parallel zunehmender Hämoglobineinlagreung
(= Wechsel in der Anfärbbarkeit)
-
Ausstoßung des Zellkerns
Nach der physiologischen Entkernung bleibt eine fädige oder körnige
Substanz im Zytoplasma der Erythrozyten zurück, die Substantia
granulofilamentosa (reticularis), bei der es sich um Reste von Ribosomen
bzw. ribosomaler RNA handelt. Das Auftreten dieser Substanz Retikulozyt kennzeichnet
die die letzte Vorstufe vor dem reifen Erythrozyten.
Retikulozyten werden aus dem Knochenmark ausgeschwemmt und machen etwa
1 bis 15 % der peripheren Erythrozyten aus. Der Nachweis der Substantia
granulofilamentosa gelingt nur mit Spezialfärbungen (Supravitalfärbung
mit Brillantkresylblau). Retikulozyten können im herkömmlichen
Blut- oder Knochenmarksausstrich nicht erkannt werden. Eine Zählung
der Retkulozyten ist eine diagnostische Maßnahme in der Klinik und
gibt Aufschluß über Regenerationsvorgänge der roten Blutkörperchen.
Eine Erhöhung der Retikulozytenzahl(Retikulozytose) ist Zeichen einer
verstärkten Neubildung.
Für den physiologischen Ablauf der Erythrozytopoese sind verschiedene
Stoffe notwendig, die zur DNA- und Hämoglobinsynthese gebraucht werden.
Dazu gehören: Eisen, Vitamin B 12, Folsäure u.a. Ein wichtiger
Regulator der Erythropoese ist das Erythropoietin (EPO), ein CSF,
der aus der Niere stammt und an den Vorläuferzellen Proliferation,
Differenzierung und Reifung induziert. Sauerstoffmangel ist ein wichtiger
Reiz für die EPO-Ausschüttung. Rekombinant hergestelltes EPO
ist ein wichtiges Medikament zur Behandlung verschiedener hämatologischer
Erkrankungen.
5. Granulozytopoese
Das wichtigste Merkmal in der Entwicklung zum Granulozyten (Granulozytopoese)
ist die Bildung verschiedener Granula (Granulopoese). Man unterscheidet
folgende Vorläuferzellen:
-
Myeloblast: basophiles, schmales Zytoplasma, Zellgrenzen erscheinen
oft kantig; großer Kern mit feinstrukturiertem Chromatin und ein
bis zwei deutlich sichtbaren Nukleoli, meist noch keine Granula nachweisbar,
erst im späteren Myeloblastenstadium beginnende Granulogenese mit
Bildung azurophiler, unspezifischer Granula
-
Promyelozyt: größte Zelle im Rahmen der Granulozytopoese
(bis 25 µm Durchmesser), schwach basophiles Zytoplasma; deutliche,
azurophile unspezifische Granula (Primärgranula = Lysosomen); in diesem
Stadium erstmals Peroxidasen (Sauerstoff-übertragende Enzyme) nachweisbar
(mit Hilfe histochemischer Methoden) als Spezifikum der granulopoetischen
Zellreihe
-
Myelozyt: helles Zytoplasma, die Abnahme der Basophilie hängt
mit der Abnahme des RNA-Gehaltes zusammen; kleinerer Zellkern als Promyelozyt;
auf dieser Stufe erstmalig Auftreten spezifischer Granula (neutro-, eosino-
u. basophil), so daß neutrophile, eosinophile und basophile Myelozyten
unterschieden werden; Myelozyten sind noch teilungsfähig
-
Metamyelozyt (Jugendlicher): Zellkern eingebuchtet, nimmt Bohnenform
an, Chromatin grobschollig, mit entsprechenden Granulierungen
-
Stabkerniger Granulozyt: letzte Vorstufe des segmentkernigen
Granulozyten, Zellkern stabförmig, bereits amöboid bewegliche
Zelle, die das Knochenmark verlassen kann, mit entsprechenden Granulierungen
Die wichtigen Merkmale der Granulozytopoese sind:
-
Verkleinerung und Abflachung des Zellkerns
-
Bildung unspezifischer und später spezifischer Granula
Die Reifung zum Segmentkernigen dauert ca. 8 Tage. Man bezeichnet eine
vermehrte Ausschwemmung von Vorläuferzellen der Granulozytopoese (im
Blutausstrich erkennbar) als Linksverschiebung. Leukämien
("Blutkrebs") sind Erkrankungen mit maligner Entartung undifferenzierter
oder weiter differenzierter Vorläuferzellen der Granulozytopoese.
Undifferenzierte Leukämiezellen können Myeloblasten ähneln.
6. Monozytopoese
Die Entwicklung zum Monozyten ist eigentlich eine "Makrophagozytopoese",
da der Monozyt nur eine Zwischenstufe im Rahmen der Entwicklung zum Makrophagen
bzw. anderer Zellen des MPS-Systems darstellt. Die frühe Entwicklung
des Monozyten ist eng an die Entwicklung der Granulozyten gekoppelt, mit
deren Vorläuferzellen gemeinsame CFUs gebildet werden. Monoblasten
und Promonozyten sind nur mit imunohistochemischen Methoden auf Knochenmarksausstrichen
markierbar. Reife Monozyten verlassen das Knochenmark sofort.
7. Lymphozytopoese
Lymphozyten entwickeln sich über immunologisch noch nicht geprägte
Vorläuferzellen, Lymphoblasten und Prolymphozyten. Lymphoblasten
entstehen direkt aus hämatopoetischen Stammzellen, so daß die
Lymphozytopoese schon auf einem frühen Entwicklungsstadium getrennt
von den Entwicklungen der anderen Blutzell-Linien abläuft. Auch die
lymphatischen Vorläuferzellen sind nur mit spezielen Markierungsmethoden
identifizierbar. Prolymphozyten können ins Blut bzw. in die sie prägenden
Organe auswandern. B-Lymphozyten verbleiben im Knochenmark, in dem sie
ihre Prägung erhalten.
8. Thrombozytopoese
Vorläuferzellen der Blutplättchen sind die auffälligsten
im Knochenmark. Ihre Identifizierung gelingt auch Anfängers sofort.
Es handelt sich um sog. Knochenmarksriesenzellen, Megakaryozyten,
die sich von Megakaryoblasten ableiten. Megakaryozyten sind bis zu 160
µm große, wolkenförmige Zelen. Das basophile bis dunkel-azidophile
Zytoplasma kann lappenförmige oder pseudopodienartige Fortsätze
aufweisen und ist undeutlich von der Umgebung abgegrenzt. Die großen,
unregelmäßig geformten und stark gefärbten Zellkerne sind
durch Endomitose entstanden und somit polyploid (bis 16x DNA). Die unscharfe
Begrenzung des Zytoplasmas kommt dadaurch zustande, daß an den Zellrändern
laufend Zytoplasmateile als "Proplättchen" abbrechen, die als Thrombozyten
in das periphere Blut ausgeschwemmt werden. Demnach enthalten Thrombozyten
Zellorganellen der Megakaryozyten. Die Thrombozytenentstehung
wird durch den Faktor Thrombopoietin reguliert. Megakaryozyten sind
auf Knochenmarksausstrichen leicht zu erkennen. Ihre Diagnose bietet Anfängern
ein erstes "Erfolgserlebnis" bei der Untersuchung von Ausstrichen.
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